Der Qualität auf der Spur

von Janina Kühn

Wie Ingenieure als Ermittler der „SOKO Qualität“ Unternehmen technisch fit für die Zukunft machen.

Herr Schneider, Sie haben ihr Unternehmen am 3.1.2019 hier in Hermsdorf, direkt am TRIDELTA CAMPUS, gegründet. Fühlen Sie sich knapp zwei Jahre später noch als Startup?

Ja. Ich sehe mich schon als Startup, wenngleich mir der Begriff nicht so ganz zusagt. Viel lieber würde ich uns als junges Unternehmen sehen. Auch weil meine Kollegen und ich gemeinsam über 40 Jahre Ingenieur-Erfahrung haben.

Eine beachtliche Expertise. Sie und Ihre Kollegen haben vorher alle in Jena gearbeitet?

Sozusagen zu 75%. Zwei meiner Kollegen und ich haben vorher bereits in einem Team zusammengearbeitet und Testsysteme für Automotive-Komponenten realisiert, mit denen wohl die meisten Fahrer deutscher Fabrikate schon einmal Kontakt hatten. Kollege Nr. 4 kam dann frisch hinzu und wir suchen weiter nach neuen Team-Mitgliedern mit dem passenden Know-how.

Ihre Firma ist für den Standort eine ideale Ergänzung und passt perfekt ins Synergie-Portfolio des TRIDELTA CAMPUS, oder?

Das ist absolut der Fall. Der Bedarf an Engineering-Lösungen für Automatisierung und Qualitätssicherung ist bei den meisten Unternehmen vorhanden. Es liegen große Chancen darin, diese Potentiale auszuschöpfen, um Kundenzufriedenheit und Effizienz zu steigern. Allerdings ist das Bewusstsein für die Notwendigkeit solcher Investition nicht in allen Unternehmen gleich stark ausgeprägt. Derzeit kommt daher ein großer Anteil unseres Umsatzes von Unternehmen der Medizintechnik-Branche und Analysemesstechnik.

Wie unterscheidet sich denn die Mentalität der Hermsdorfer von der der Jenaer Unternehmen?

Diese Frage kann ich nur mit Bauchgefühl beantworten, welches mich natürlich auch täuschen kann. Im Moment sieht es für mich so aus, als hätten die Jenaer Firmen in der Breite ein höheres Interesse an Weiterentwicklung und Innovation, obwohl auch hier in Hermsdorf Hightech-Produkte entwickelt und hergestellt werden. Aber es gibt auch hier immer mehr Unternehmen, die das Potential moderner Technologien erkannt haben und dieses nutzen. Besonders die Elektronik-Unternehmen sind hier schon absolute Vorreiter. Sie sind schon aufgrund der schnell steigenden Anforderungen der kontinuierlichen Modernisierung ihrer Prozesse und Technologien verpflichtet.

Sollte aus ihrer Sicht die Keramik-Industrie hinsichtlich der Verfahrenstechnik moderner werden?

Hier sehe ich großes Potential. Vor allem in Sachen Digitalisierung und in der Prozesssteuerung sehen wir Reserven, die es zu nutzen gilt. Wir verspüren hier auch eine deutlich steigende Nachfrage hinsichtlich Automatisierungsmöglichkeiten.

Wie gehen Sie persönlich und unternehmerisch mit dieser Ausgangslage hier vor Ort um?

Zunächst liegt unser persönlicher Anspruch darin, dass unsere Kunden mit den von uns entwickelten und gelieferten Lösungen langfristig ihre Ziele erreichen und ihren Erfolg steigern. Nur so ist die von uns angestrebte, dauerhafte Zusammenarbeit möglich. Glücklicherweise funktioniert das bei den von uns betreuten Kunden sehr gut.

Das ist ein sehr strategischer Ansatz. Sehen Sie sich selbst auch als Strategen?

Nun, ich versuche, immer die längere Zukunft im Blick zu behalten. Nicht nur für unser Team, sondern insbesondere auch für unsere Kunden. Diesen geben wir Möglichkeiten für die Optimierung der Produktion und Qualität an die Hand, die dauerhaft und stabil laufen. Damit verhindern wir gemeinsam, dass „schlechte Produkte“ weiterverarbeitet oder gar ausgeliefert werden und erreichen teilweise erhebliche Effizienzsteigerungen. Das sind die obersten Ziele.

Wo genau setzen diese Möglichkeiten an? Ihre Kunden sind sicher alle sehr verschieden und haben individuellste Anforderungen.

Wir beziehen uns da auf die Verknüpfung vieler Parameter im Prozess und der Produktqualität. Elektrische Größen, wie Ströme, Spannungen oder Felder; mechanische Parameter wie Kräfte und Momente und optische Parameter wie Ausplatzungen etc., die in verschiedenen Verfahren geprüft werden können. Die Ermittlung der verschiedenen Produktparameter werden dann in komplexen Mess- und Prüfsystemen verknüpft.

Unsere Stärke bei SES liegt in der Kombination der Messung und Steuerung der unterschiedlichen relevanten Parameter je nach Erfordernissen der Produktgruppe oder Prozesse.

Wie gehen Sie dabei vor? Wie erarbeiten Sie sich die entsprechenden notwendigen Informationen?

Die Unternehmen, die wir beraten haben ja ganz individuelle und unterschiedliche Anforderungen an die Qualitätssicherung bei der Herstellung Ihrer jeweiligen Produkte. Unsere Aufgabe ist es bei Bedarf auch, in intensiven Gesprächen alle notwendigen Prüfkriterien zu ermitteln. Dabei kann es durchaus vorkommen, dass wir Messkriterien identifizieren, die dem Unternehmen bis dato noch gar nicht bewusst waren. Dadurch versetzen wir unsere Kunden in die Lage, Prozess-, Prüf- und Produktparamater in sinnvollem Umfang zu bestimmen und zu optimieren.

Es geht bei Ihnen neben der Qualitätssicherung und Automatisierung von Produktionsabläufen auch um Digitalisierung. Was genau ist Ihr Anteil an der Digitalisierung?

Wir evaluieren und analysieren sämtliche Strukturen und Abläufe der Wertschöpfungskette eines Unternehmens; von der Wareneingangskontrolle bis zu Logistik und Versand. Überall da, wo aktuell Informationen über den aktuellen Stand eines Fertigungsproduktes händisch erfasst werden, kann dies auch digital umgesetzt werden. Damit werden beispielsweise Aufwände zur Rückverfolgung reduziert und eine einheitliche Datenbasis geschaffen, die für weitergehende Untersuchungen genutzt werden kann. Wie das dann genau aussehen und umgesetzt werden kann, überlegen und entscheiden wir dann gemeinsam mit unseren Kunden.

Funktioniert das reibungslos oder ist eine solche Zusammenarbeit eher herausfordernd? Schließlich suchen Sie ja gezielt nach Problemen und Schwachstellen – das ist sicher oft nicht ganz angenehm…?

Ja das stimmt, schließlich setzt dies auch den Willen der Partner voraus, offen über Problemstellungen zu sprechen. Aber es ist auch der Punkt, der die Arbeit so anspruchsvoll und interessant macht. Mein persönlicher Schlüsselfaktor an dieser Stelle ist Offenheit und Ehrlichkeit dem Kunden gegenüber und auch ein gutes Quäntchen Geduld. Schließlich wollen wir nichts „Unpassendes“ verkaufen, sondern gemeinsam herausfinden, wie die bestehenden Technologien und Prozesse so verbessert werden können, dass alle – und damit meine ich vor allem unsere und deren Kunden – etwas davon haben. Dafür habe ich ein Team von sehr gut ausgebildeten Fachkräften, die sich dieser Zielstellung annehmen.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Entwicklung am High-Tech Standort Hermsdorf?

Durchweg positiv. Es gibt hier viel Entwicklungspotential und das Motto „High-Tech“ trifft es schon wirklich gut. Auch wenn die Keramikindustrie noch stark durch klassische Prozesse geprägt ist, wächst der Wunsch nach einer Modernisierung der Verfahren. Gerade hier besteht großes Potential, Prozesse zu modernisieren und so beispielsweise auch Produkte mit verbesserten Eigenschaften zu ermöglichen.

Genau da setzt ja auch das Bündnisprojekt SAPHIR an. Was genau ist hierbei Ihr Anteil?

Die SES GmbH ist eines von 5 Unternehmen im Bereich „Innovationen für Processing in der Hochleistungskeramik“. Das Ziel ist, die Voraussetzungen für die anderen Beteiligten Unternehmen zu schaffen, die Anforderungen der Zukunft zu erfüllen und damit ihre aktuellen und zukünftigen Produkte besser herstellen zu können.

Welche Hindernisse sehen Sie dabei für die Unternehmen?

Die größte Gefahr besteht meiner Ansicht darin, sich mit bestehenden Prozessen zu arrangieren. Denn: je länger nicht in die Prozesse, Messtechnik etc. investiert wird, umso größer werden Ausmaß, Zeitbedarf und Kosten bei notwendigen Veränderungen. Nichts ist gewisser als die Veränderung. Und diese werden immer schneller.

Was würden Sie den Unternehmen abschließend empfehlen?

Die Ideen, etablierte Prozesse weiter zu entwickeln kommen oft von den jüngeren Kollegen. Entscheider sollten dieses dynamische Potential in ihren eigenen Unternehmen erkennen und nutzen.

Tja und dann loslaufen; nicht kopflos, sondern natürlich mit einer klaren Vision und einem tragfähigen Konzept, welches die zu realisierenden Anforderungen berücksichtigt. Aber nicht schon zu Beginn eines Projektes die Dinge zu lange „zerdenken“. Dadurch entstehen oftmals Luftschlösser, deren Bau unter Beachtung aller möglichen Anforderungen nicht mit den zeitlichen oder finanziellen Budgets vereinbar ist und man es dann doch wieder lässt. Lieber die Anforderungen nach ihrer Notwendigkeit unterscheiden.

Und dann den Mut haben, die ersten Schritte zu gehen, um nach Umsetzung der „Must-Haves“ zu sehen, welche „Nice-To-Haves“ dann wirklich noch berücksichtigt werden müssen oder können.

Wer einmal gelernt hat zu laufen, wird immer schneller und kann dann auch bald auf Berge klettern, weil er das Know-how, die Kraft und die Zeit dafür hat.

Herr Schneider, vielen Dank für dieses Interview.

Ich danke Ihnen, Frau Hartmann.

 

Das Interview führte Konstanze Hartmann, Vorstand Tridelta Campus Hermsdorf e.V.

Zurück